Gefühlt verbringe ich viel Zeit am Tag damit, das Medienverhalten meiner Kinder zu überwachen. Ihnen die “Geräte“ nur begrenzt zu überlassen oder wegzunehmen. Das ist sehr anstrengend! Bislang habe ich noch nicht kapituliert. Aber es kostet viel Kraft den Mediengeneral glaubhaft zu markieren. Was mich antreibt ist die tiefe Überzeugung, dass zu viel davon einfach stumpf macht. Die jungen, noch unverknüpften Synapsen lähmt und sich allgemeine Bequemlichkeit einstellt. Das Leben ist einfach zu kurz für permanente Zerstreuung. Aber eine Ausnahme mache ich: wenn sie Musik hören. Denn ohne Musik geht gar nichts!
Das musste ich mir früher anlesen oder mich mit anderen Musikliebhabern austauschen.
Dabei ist es gar nicht so schlimm, sie basteln, malen, singen, tanzen und toben auch noch. Eigentlich ist die Welt noch in Ordnung. Und Bullerbü wäre ja auch komisch. Ich passe mich also an, es gibt die Geräte und es gibt auch gelegentlich Cola. Trotzdem, ich habe viele Vorbehalte. Aber es ist einfach unendlich toll, welche Musikwelt da zur Verfügung steht. Ich bin fasziniert und liebe es. Musik streamen per Familienkonto, unbegrenzte Entdeckungsmöglichkeiten. Ganz intelligent bekomme ich auch noch Empfehlungen. Das musste ich mir früher anlesen oder mich mit anderen Musikliebhabern austauschen. Was natürlich schön war, aber einfach Zeit brauchte. Musik, in jedem Genre, ist immer verfügbar. Fast alles ist immer verfügbar. Selbst ich bin immer verfügbar. Aber wehe, das WLAN ist nicht verfügbar. Dann wird’s schwierig.
Welchen Wert hat Musik?
Was soll ich tun, ich bin ein Kind meiner Zeit. Als verkappte Analoge – die durchaus alle modernen Medien nutzt und beherrscht – stelle ich mir die Frage, welchen Wert Musik heute hat. Denn es gab eine Zeit, und das ist noch gar nicht so lange her, da war sie nicht unbegrenzt zu haben. In den Anfängen war das nicht nur eine Frage, was da war, sondern einfach auch eine Frage des Taschengeldes. Und Musikbeschaffung war mit Arbeit verbunden.
Ich muss mir das Ganze mal genauer ansehen und historisch aufarbeiten. Zumindest meine Historie betreffend. Und unternehme eine Reise in eine bald vergessene Welt der Musikbeschaffung.
Es war einmal...das Tonbandgerät meines Vaters. Eine längst vergessene Technik
Es war einmal die Plattensammlung meines Vaters. Nein, ich muss noch weiter zurückgehen. Es war einmal das Tonbandgerät meines Vaters. Das gute alte Revox A77 Tonbandgerät. Eine längst vergessene Technik und Kleinod meines Vaters. Ich habe keine Ahnung, wie das funktionierte. Der riesige Trümmer hatte seinen festen Platz auf dem Sideboard vor der großgeblümten Tapete. Da kam schöne Musik `raus, ich mochte die meisten Songs. Eine sehr aufwendige Technik, ich glaube, mein Vater hat viele Stunden damit verbracht. Ein Mikrophon konnte angeschlossen werden und all meine Songs im 3-Jahre-alt-Kauderwelsch-Englisch wurden dokumentiert. Dazu tanzte ich, die kurzen Beinchen in roten Strumpfhosen mit hängendem Schritt und schlappenden Socken. Mittlerweile hat die Qualität der Bänder leider nachgelassen. Jetzt hat das Tonbandgerät einen festen Platz auf dem Dachboden. Und da bleibt es auch vorerst. Ist jetzt richtig was wert im Vintage-Universum.
Natürlich gab es zu der Zeit auch einen Plattenspieler und einen Kassettenrekorder – Doppeldeck. Auch so ein Trümmer. Den es heute auch immer noch gibt und der einwandfrei funktioniert. Damit konnte ich von einer Kassette auf die andere aufnehmen. Die vielen Mixtapes, die ich für meine Lieben oder für mich produzierte.
Im Fernsehen wurden am Wochenende Musikunterhaltungssendungen ausgestrahlt. Höchststrafe war, diese nicht sehen zu dürfen. Meine Eltern hatten mich in der Hand. Auch wenn es James Last oder die Hitparade war. Damals hieß es noch Hitparade und nicht Charts. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, das war noch viel früher und ich war noch sehr klein.

Die Plattensammlung meines Vaters ebnete den Weg
Irgendwann habe ich mir die Plattensammlung meines Vaters vorgenommen. Er war nicht so der Hippie, keine Doors oder Woodstock. Er konnte auch ohne bunten VW-Bus in den Orient reisen, denn da kam er her. Eher die Beatles, Motown, alles von Marvin Gaye, Dean Martin und vor allem das Rat Pack fand er cool. Und ich dann auch. Da waren wir uns einig. Und Nat King Cole hatte eine Stimme wie Milch und Honig. Gefällig aber schön. Und die Beatles-Platten konnte ich irgendwann auswendig.
Ich habe alles gehört, was da war, aber eben nur das, was da war. Platte aus der Hülle, ganz vorsichtig auf den Fingern jongliert, bloß nicht zerkratzen. Die Platten hatten nicht nur einen besonderen Sound, sie hatten auch einen ganz eigenen Geruch. Jede einzelne Schallplattenrille habe ich wieder und wieder abgespielt. Dann die Kassetten. Beim Lego bauen haben mein Bruder und ich immer Wham! gehört. Denn auch beim Legobauen gilt: ohne Musik geht gar nichts. Ich kann immer noch jedes Lied mitsingen. Mittlerweile verstehe ich die Texte.
Neue Musik finden
Doch dann kam eine Zeit, da waren mein Vater und ich uns nicht mehr so einig. Nicht nur was die Musik betraf. Die Plattensammlung war längst erschöpft und ich musste mich auf den Weg machen. Neue Musik finden. Was blieb mir schon anderes übrig, war ja auch nicht auszuhalten, die Art, wie er U2 aussprach- er sagte immer U wie der Buchstabe und zwei. Und das mit voller Absicht, nur um mich zu ärgern.
Als mein Bruder dann auch mit Hip Hop das Haus beschallte, war die innerfamiliäre Musikkrise perfekt
Da waren wir schon längst bei den CD’s. Das war die Zeit, als mich mein Vater am Wochenende mit Verdi’s Opernchören aus dem Bett jagte. Wer feiern kann, kann auch früh aufstehen. Da war nichts zu machen. Mein Vater mochte Michael Jackson, ich fand Prince gut. Meine Musik war doof, seine auch, und so ging das hin und her. Als mein Bruder dann auch noch mit Hip Hop das Haus beschallte, war die innerfamiliäre Musikkrise perfekt. Gangsterrap, Grungerock, Soul und Pop unter einem Dach war eine explosive Mischung. Die Nerven lagen blank.
Zurück zu den CD’s. Die gab es bei der Drogerie Müller oder später bei WOM – World of Music. Da habe ich nach der Schule rumgelungert und in CD’s reingehört. Diese Kopfhörer würde ich mir heute niemals mehr aufsetzen. Aber da habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, wer sie vor mir schon auf den Ohren hatte. Denn ich musste die neue Platte hören und gut überlegen, wofür ich mein Taschengeld investiere. Dann das Album rauf und runter gehört, plötzlich war Lied Nummer 3 auch interessant. Texte ‘rausgeschrieben, Booklet studiert, darüber gesprochen.
# Mixtapes
Kassetten zusammengeschnitten für gute Freunde. Oder für die nächste Party, den nächsten Urlaub. Von CD auf Kassette. Die Kassetten gibt es noch. Schön gestaltet, per Hand beschriftet. Und die CD`s auch. In meinem Sideboard vor schlicht weißer Wand. Und da bleiben sie auch. Man kann ja nicht wissen. Nicht zu vergessen der Countdown der 100 besten Songs des Jahres am Silvestertag im Radio. Und während das alte Jahr langsam zu Ende ging, hockten wir vor der Stereoanlage und haben mitgeschnitten. Sadistische Moderatoren quatschten immer in den Song rein. Und wir mussten durchhalten. Die besten Songs kamen erst ganz am Schluss.
Welchen Bandnamen ich dann wohl falsch ausspreche? Mit Absicht natürlich!
Dann massenweise CD`s in den Computer eingelesen. Was für eine Arbeit! Und jetzt will mein Computer keine CD`s mehr schlucken. So ist das, so schnell geht das. Aber die Musik ist in meinem Herzen. Manchmal höre ich noch einen alten Mix und weiß, welches Lied danach kommt. Vorher das Geräusch der Pausentaste. Hach, das war schon schön. Brauche ich nicht wieder, aber es hatte einen Wert. Musik hatte einen Wert. War zwar mit Arbeit verbunden, aber eben nicht so flüchtig. Und wir hatten sie alle gemeinsam, eine ganze Generation. CD`s sind mir immer noch lieb und teuer, und ich kaufe sogar wieder Vinyl.
Wie ist es jetzt? Worauf einigen wir uns, welche Kultur schwingt mit? Alles verfügbar. Keine Grenzen. Ich bin begeistert. Aber auch ein bisschen überfordert und heimatlos. Denn ohne Musik geht gar nichts. Musik und die Künstler wollen gewürdigt sein. Ich bin gespannt, was meine Kinder daraus machen. Und welchen Bandnamen ich dann falsch ausspreche. Mit Absicht natürlich!
Ein zeitloser Song von Mr. Music Marvin Gaye.





