Schattenmorelle 2.0

...oder wie alles begann, denn mit der Schattenmorelle 2.0 fing alles an

Ich denke gerne über Wörter nach. Woher sie kommen, welche Geschichte dahintersteckt. Neulich beim Einkaufen, als ich mich mit zwei Taschen plus Einkaufskorb durch die engen Gänge drückte, blieb mein Blick an einem Glas Schattenmorellen hängen. Schattenmorelle, ein tolles Wort, dachte ich und packte sie ein.

"Ja mei, das sind halt Sauerkirschen!"

An der Kasse zog die Kassiererin meine Waren durch und ich musste einfach sagen: „Schauen Sie, heute kaufe ich ein Glas Schattenmorellen!“ „Lustig“, sagte sie, „das habe ich kürzlich auch gemacht. Jetzt stehen sie aber da und ich weiß nicht, was ich damit machen soll.“ Und schon hatten wir etwas gemeinsam. Ich konnte nicht umhin und fragte sie „Haben Sie schon einmal über das Wort „Schattenmorelle“ nachgedacht? Könnte ja auch ein nachtaktives Tier sein oder so…“ „Oder ein Pilz!“ brachte sich der Mann hinter mir amüsiert ein. Der Dame dahinter dauerte das alles zu lang und mit einem „Ja mei, das sind halt Sauerkirschen!“ beschloss sie augenrollend den Moment.

Beschwingt und mit noch einer Tasche bepackt verließ ich den Laden. Schön, nicht einfach trist an der Kasse zu stehen, einfach mal ins Gespräch kommen, der Schattenmorelle sei Dank. Und weil ich ja gerne über Wörter nachdenke, ließen mich diese Sauerkirschen im Glas nicht los. Es könnte ja auch ein unflätiges Wort sein „du fiese Schattenmorelle, du…“, eigentlich ganz charmant. Und während „Cherie“ doch ziemlich abgegriffen ist, klingt Schattenmorelle sanft intoniert doch sehr zärtlich, oder? Auch ein Tiefseefisch, der in den Untiefen des Ozeans lebt und gerade erst entdeckt wurde, käme in Frage.

schattenmorelle-2.0-marijams.de

Der obligatorische Tortenboden blieb der treue Begleiter meiner jugendlichen Sonntage.

Die große Zeit der Schattenmorelle in unserer Familie waren ganz klar die 80er Jahre. Eine Lieblingsanekdote meiner Mutter: Wie es sonntags an der Tür klingelte und ich als Zweijährige zur Tür rannte und freudig rief: „Mama, der Tuchen tommt!“ Da stand nämlich meine liebe Tante Elisabeth mit einem Tortenboden mit Schattenmorellen, verfeinert mit Banane oder Kiwi. Dazu gab es Schlagsahne, herrlich. Der obligatorische Tortenboden blieb der treue Begleiter meiner jugendlichen Sonntage. War das nur bei mir so? Ich habe jedenfalls gute Erinnerungen.

Schattenmorelle 2.0 c'est moi!

Auch wenn sie da immer noch im Regal steht, hat es die Schattenmorelle nicht leicht. Sie muss damit fertig werden, dass sie keine Herzkirsche geworden ist. Die Herzkirsche thront hübsch und perfekt auf dem Törtchen, die Schattenmorelle, schrumpelig und trotzdem saftig, wird verbacken. „Schattenmorelle, c`est moi!“ beschreibt perfekt meinen inneren Monolog an schlechten Tagen. Immerhin, die Herzkirsche gibt es nur einmal im Jahr, die Schattenmorelle hingegen macht das ganze Jahr zuverlässig den Kuchen saftig. Das könnte jetzt immer so weiter gehen, aber Schluss jetzt. Doch muss es weitergehen mit der Schattenmorelle. Da steht es ja nun, das Glas. Was stelle ich nun damit an? Zeit für eine Neuauflage. Donauwelle, oder ein anderen Kuchen? Mal schauen was mir einfällt. Oder gar der Retro-Tortenboden?

schattenmorelle-2.0-marijams-foodblog

Aber jetzt zur Auflösung Schattenmorelle 2.0:

Die Schattenmorelle, auch Große Lange Lothkirsche genannt, ist eine Sauerkirsche und gehört zur Familie der Rosengewächse. Woher die Schattenmorelle ihren Namen hat, ist nicht final geklärt.

Variante 1: Im schönen Frankreich im Jahre 1598 schon soll im Garten des Château de Moreilles diese Sauerkirschenart gezüchtet worden sein. Hier verwischen sich aber auch schon die Spuren, Schloss und Garten gibt es nicht mehr, zu viel Krieg und Zerstörung.

Variante 2: lateinisch amarus, was „bitter“ bedeutet, wobei die Kirsche ja sauer ist und nicht bitter oder

Variante 3: spätlateinisch maurella bzw. maurus für „Mohr“, ausgehend von der dunklen Farbe der Kirsche. Das gefällt mir überhaupt nicht.

Variante 4 ist am wahrscheinlichsten: von Chatel Morel, der französische Name der Schattenmorelle – hübsch eingedeutscht.

In Nostalgie schwelgend habe ich einen Tortenboden mit Schattenmorellen 2.0 gebacken. Schlagsahne ‘drauf nicht zu vergessen. Aber wie gesagt muss es weitergehen mit der Schattenmorelle. Also schaue dir mal das Rezept für Sauerkirsch-Crumble an oder Milchreis mit Kirschen.  

My baby just cares for me – Nina Simone…no compromises…